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In Anlehnung an Lacan schreibt Christoph Wulf:
Der Blick, Kontrolle, Begehren, Anschauung. In: Bilstein, J.; Reuter, G. (Hg.): Auge und Hand. Athena 2011, S. 19-34

In Folge der mit der Geburt verbundenen ursprünglichen Spaltung entsteht ein Begehren, die Trennung aufzuheben. Dieses ist notwendigerweise nach außen gerichtet, von wo eine Befriedigung des dem Begehren zugrunde liegenden Mangels erwartet wird. Das dem Begehren unterworfene Subjekt hofft, indem es die Kluft zu dem vor ihm im Feld des Sichtbaren liegenden Objekt überwindet, die Spaltung, durch die es konstituiert wird, zu überwinden. Obwohl die Hoffnung trügerisch ist, muss das Subjekt an ihr festhalten, so dass Subjekt und Objekt durch die Struktur des Begehrens miteinander verbunden sind. Wie die Mimikry mancher Tiere, in deren Verlauf die Welt der Objekte in sie >>hineinfällt<< und sie in Farbe und Form zu einem Teil des <<Tableaus<< der Objektwelt macht, so gibt es auf Seiten der Objekte einen Blick, der über die Strukturen der Mimesis nach der Angleichung des Sehenden verlangt. Der Sehende fühlt sich angeblickt und aufgefordert, sich anzuähneln. Er steht nicht mehr der Objektwelt gegenüber, sondern er ist Teil der Objektwelt, die, bevor sie vor ihm liegt, in ihm ist, und er hofft, dass sie ihn begehrt. ... Der begehrende Blick sucht das Begehren des Angeblickten. Dies gilt für den anderen Menschen, gilt aber auch für die Wahrnehmung der Natur und anderer Gegenstände. Vor diesem Hintergrund lassen sich Kontrolle und Objektivierung des Sehens als Versuch begreifen, der Einfügung in die Begehrensstruktur des Sehens zu entkommen. Der Wille zur Macht reduziert die Wahrmnehmung der Welt. Der Versuch, Objektivität herzustellen, reduziert das Begehren. Die über die Dinge und den Anderen gewonnene Macht dient als Kompensation für das mangelnde Begehren der Welt." (S.28)

Peter Zeillinger Der Ort der Zeit. Auf dem Weg zu einer politischen Phänomenologie

Wenn in diesem hier auftauschenden Pathos, das sich jedoch alle Mühe gibt, den Raum der Phänomenologie oder der phänomenologischen Bewegung nicht zu verlassen oder preiszugeben - wenn in diesem Pathos die Rede vom Ort einer differentiellen Zeit und seiner Beziehung zu einem politischen Ort oder einem "Ort des Politischen" - etwa im Sinn von Claude Leforts "leerer Stelle der Macht", die es mittels einer konkreten Institution zu repräsentieren gilt, oder im Sinne von Derridas "democratie á-vernir", die nicht verzögert, sondern hier und jetzt als diejenige Demokratie ins Werk gesetzt werden müsste, die vielleicht einmal Demokratie gewesen sein wird - wenn in diesem Sinne die Rede vom Ort der Zeit als einem politischen Ort Sinn gemacht haben sollte, dann wäre eine "politische Phänomenologie" fernab von jeder "Phänomenologie des Politischen" möglich: nämlich als die Phänomenologie jenes Ortes, um den Diskurse wie dieser nur kreisen können. ... Es ist ein konnkreter Ort, der jedoch im Sinne der Spur oder des Ereignisses nur als Störung der herrschenden Ordnung wahrnehmbar wird. Doch diese Wahrnehmung ist, wie gesagt, nicht unschuldig. Sie kann nicht im Sinne einer strengen Wissenschaft bloß analysiert werden, sondern: Diese Störung eröffnet einen politischen Raum ..." (S.118/119 in: Bedorf, Thomas/ Unterthurner, Gerhard (Hrsg): Zugänge Ausgänge Übergänge - Konstitutionsformen des sozialen Raums - Könighausen und Neumann 2009  

Hannah Arendt Vita activa oder Vom tätigen Leben,
München 1981

"Der Erscheinungsraum und das Phänomen der Macht
Ein Erscheinungsraum entsteht, wo immer Menschen handelnd und sprechend miteinander umgehen; als solcher liegt er vor allen ausdrücklichen Staatsgründungen und Staatsformen in denen er jeweils gestaltet und organisiert wird. ... Er liegt in jeder Ansammlung von Menschen potenziell vor, aber eben nur potenziell; er ist in ihr weder notwendigerweise aktualisiert, noch für immer oder auch nur eine bestimmte Zeitspanne gesichert. Der Aufgang und Untergang von Kulturen ... hängt mit dieser Eigentümlichkeit des öffentlichen Bereichs zusammen, der so sehr auf dem handelnden und sprechenden Miteinander beruht, dass er selbst unter scheinbar stabilsten Verhältnissen seinen potenziellen Charakter niemals ganz und gar verliert...
Die Grenze der Macht liegt nicht in ihr selbst, sondern in der gleichzeitigen Existenz anderer Machgruppen, also in dem Vorhandensein von Anderen, die außerhalb des eigenen Machtbereichs stehen und selber Macht entwickeln. Diese Begrenztheit der Macht ist nicht zufällig, weil ihre Grundvoraussetzung ja von vornherein diese Pluralität ist. ... Dem entspricht, dass alles Trachten nach Allmächtigkeit, ganz abgesehen von der Frage der Hybris, immer danach trachten muss, Pluralität als solche zu vernichten." (S. 251-252)
"Der Versuch der Tradition, Handeln durch Herstellen zu ersetzen und überflüssig zu machen
...
Nicht nur den Denkern und Philosophen, sondern auch den Handelnden selbst hat die Versuchung immer sehr nahegelegen, sich nach einem Ersatz für das Handeln umzusehen in der Hoffnung, dass der Bereich der menschlichen Angelegenheiten vielleicht doch noch von dem Ungefähr und der moralischen Verantsortungslosigkeit errettet werden könne, die sich aus der einfachen Tatsache der in jedes Handeln verstrickten Pluralität von Handelnden ergibt. Dass die zur Lösung dieser Aporien vorgeschlagenen Versuche im Grunde immer auf das gleiche hinauslaufen, zeigt, wie einfach elementarer Natur die Aporien selbst sind. Allgemein gesprochen handelt es sich nämlich immer darum, das Handeln der Vielen im Miteinander  durch eine Tätigkeit zu ersetzen, für die es nur eines Mannes bedarf, der, abgesondert von den Störungen durch die anderen, von Anfang bis Ende Herr seines Tuns bleibt. Dieser Versuch, ein Tun im Modus des Herstellens an die Stelle des Handelns zu setzen, zieht sich wie ein roter Faden durch die uralte Geschichte der Polemik gegen die Demokratie, deren Argumente sich desto leichter in Einwände gegen das Politische überhaupt verwandeln lassen, je stichhaltiger und beweiskräftiger sie vorgetragen werden." (S.279)


Ludger Schwarte (über den Wahrheitsbegriff bei Heidegger):
>Die Regeln der Intuition - Kunstphilosohie nach Adorno, Heidegger, Wittgenstein,München 2000, S.18
"Das Kunstwerk entwickelt sich innerhalb der Philosophie Heideggers zum Thema in dem Moment, da die Wahrheit keine zu entdeckende geistige HInterwelt mehr ist, sondern ein Entwurf, ein Geschehen, in dem sich das Welt- und Selbstverhältnis des Menschen eröffnet. Die Offenheit als erste Wahrheit spielt mit dem Abstand einer Sache zu sich selbst und zur Welt. Dieser Abstand muss geschaffen werden, von Kunst oder Philosophie, ein Spielraum, die Möglichkeit zum Irrtum, Freiheit: " das Verstehen des Seins gibt das Seiende als ein solches frei. In diesem Verstehen kann allererst Seinendes ein Seiendes sein. Seinendes in jedem möglichen Gebiet kann uns nur begegnen, näherkommen und fernerrücken aufgrund der freigegebenen Freiheit. Das Wesen der Freiheit ist dabei, kurz gesagt, der Lichblick: sich im voraus ein Licht aufgehen zu lassen und an das Licht sich binden." (M.Heidegger, Vom Wesen der Wahrheit, GA 34, Frankfurt/M.1988, S.60) Das Zwischen von Welt und Selbst bildet die Grundlage des Denkens und der Erfahrung, wenn die Wahrheit nicht mehr die Idee einer Sache, sondern das Ermessen ihrer Verhältnismäßigkeit ist: ihre Geschichte. >Geschichte< bedeutet bei Heidegger zweierlei, gestaltete Geschichte, und Geschichte als Wandel überhaupt ... Heidegger nennt die Grundlage des Ermessens "transzendentale Einbildungskraft", deren Kern, die reine Anschauung, die Zeit ist. Von der Entfaltung der Einbildungskraft und der Eröffnung einer Welt, in der etwas in der Geschichte anwesend ist, hängt, so ist zu folgern, die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung ab.
Doch der Abstand bildet kein festes Gefüge, für jeden und alle Zeit ... Vielmehr muss sich der Bezug des Menschen zu sich selbst und zur Welt immer neu im Entwurf vollziehen, da die Möglichkeiten, welche in dem Entwurf liegen, durch die Entscheidung für die eine und gegen die andere, durch den Eintritt in die Wirklichkeit vergehen. Was Geschichte ist hängt von den Geschichten ab, die sich noch ereignen und erzählt werden können."

Hal Foster: "Zu einem Begriff des Politischen in der Gegenwartskunst" in: CH. Harrison, P. Wood (hrsg): Kunst/Theorie im 20.Jahrhundert, Band 2, Ostfildern-Ruit 2003.
"Den Status der Avantgarde neu zu bedenken meint also nicht, ihr kritisches Potential in der Vergangenheit zu bestreiten, sondern, im Gegenteil, zu überlegen, wie sie sich als widerständige, kritische Kraft in die Gegenwart einschreiben läßt...
Widerstand so zu verstehen, heißt nicht, den >Tod< der Avantgarde auszurufen, sondern eher die Stichhaltigkeit zweier ihrer Prinzipien in Frage zu stellen: Das strukturelle Konzept einer kulturellen >Grenze<, die folgenreich zu durchbrechen wäre, und die Politik gesellschaftlicher >Befreiung< als ein Projekt, das Avantgardekunst auf irgendeine Weise begleiten oder gar in Gang setzen könnte." (S.1332) 
"Viele Künstler und Kritiker sehen die Gegenwart in einem Endspiel moderner Ironie versinken...; ich würde jedoch argumentieren, dass wir eine neue Konjunktur bewohnen,... die nach einer Neuverortung politischer Kunst verlangt. ...
Angesichts d(ies)er neuen, nahezu globalen Ausdehnung des Kapitals gibt es möglicherweise gar keine natürliche Grenze mehr, die überschritten werden könnte (was durchaus nicht heißen soll, dass es kein strukturelles Außerhalb oder keine kulturell Anderen gäbe). Und in diesem Fall muß die moderne Strategie der Überschreitung, weil sie an ihr spezifisches historisches Stadium gefesselt ist, untergehen, und eine neue kritische Strategie des Widerstands von innen muß zum Vorschein kommen. Ein solches Modell erlaubt uns auch, mit der Periodisierung von Strategien der Überschreitung und des Widerstands in Begriffen von Moderne und Postmoderne zu beginnen." (S.1334)  

Adolf Muschg - Frankfurter Vorlesungen; Literatur als Therapie? Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare, Frankfurt am Main 1981; S. 203/204
"Kunst und Therapie haben ein Ziel: Befähigung zum eigenen Leben. Aber sie haben nicht einen Weg. Kunst ... ist keine Therapie, aber sie macht Mut dazu, den Weg zur Therpie im Ganzen weiterzugehen. Die Therapie ist nicht Kunst, aber sie dient der Kunst als Bürgschaft für die Verbindlichkeit, für die Gangbarkeit der lebensverändernden Phantasie. Beide arbeiten am Gleichgewichtssinn einer sich selbst bedrohenden Menschheit. Aus beiden ist die Einsicht zu schöpfen, dass Überleben erst dann keine Sorge mehr sein wird, wenn wir leben gelernt haben.
Bewegliche Ordnung - das heißt: wir leben nicht ohne Bewegung. Aber wir leben nicht für die Bewegung. Wir haben mit unserer Zivilisation ein hohes Seil beschritten. Wenn wir uns nur rennend darauf halten können, werden wir stürzen... Auch Standhalten ist Bewegung. Denn das Ziel des Lebens liegt nicht v o r uns."

Christiane Brohl: DISPLACEMENT als kunstpädagogische Strategie, Norderstedt, Books on Demand, 2003

" Displacement bezeichnet eine Strategie von Kontext-Kunst zur Untersuchung des Kontextes von Kunst und von Heterotopien. Heterotopien sind nach Michel Foucault andere Orte, welche die kulturelle Ordnung normaler Ordnung umkehren (Foucault 1967). Sie fungieren derart als Gegenlager, die die diskursive Konstruktion normaler Orte reflektieren. Zugleich sind Heterotopien Orte, an denen alternative Weisen des Denkens, Handelns und Wahrnehmens erprobbar sind. ...." (S.1) 

Paul Mecheril: Politik der Unreinheit Ein Essay über Hybridität
Passagen Verlag, Wien 2003

"Damit das abstrakte Prinzip der Ermöglichung des Sprechens über Dispositionen, die (vermeintlich) aus bestimmten natio-ethno-kulturellen Kontexten resultieren, nicht schlicht dazu führt, dass sich die Lautesten/Mächtigsten/Bestorganisierten durchsetzen, scheint es wichtig, dass das Sprechen an öffentlichen Orten stattfindet, die gleichsam experimentell und unter Berücksichtigung lokaler Charakterisika vorläufige Antworten auf drei zentrale Ideal-Fragen formulieren. Die tentativen, gleichwohl handlungsgenerierenden Antworten auf die Fragen konstellieren Entwürfe und Vorhaben, die Ortskonzepte genannt werden könnten. Die Fragen lauten:
1. Wie ist die Sichtbarkeit und Hörbarkeit aller möglich, für die dieser Ort bedeutsam ist?
2. Wie ist ein Sprechen möglich, das auf Verständigung und Teilhabe hin orientiert ist?
3. Wie ist ein Sprechen möglich, das natio-ethno-kulturelle Identitäts- und Differenzschemata verflüssigt?" (S.94)  

Käte Meyer-Drawe: Lernen als Erfahrung
ZfE, >Hermeneutik und Bildung<. 4-03, S. 505 - 51

" Erst in letzter Zeit, wohl auch aufgrund der Übersetzungen aus der amerikanischen Literatur, wird zunehmend das Wort 'Lerner' gebräuchlich. Lernen selbst rückt vor allem in Form seiner Resultate in den Blick: behavioristisch als dauerhafte Verhaltens-änderung und im Rahmen kognitiontheoretischer Annahmen als Gedächtnisaufbau. Der Prozess selbst entzieht sich lebensweltlich und wissenschaftlich unserer Aufmerksam-keit. ... Dabei handelt es sich nicht um eine vermeidbare Nachlässigkeit. Es gehört vielmehr als Struktureigentümlichkeit zum Lernen selbst dazu, dass sich der Vollzug ins Dunkle zurückzieht. ... Allerdings ist dieser Entzug nicht vollkommen. ... Im Lernen fungieren Bestimmungen des Daseins, die sich nicht so ohne weiteres zu erkennen geben. ... Zwar kann ich sagen 'Ich habe gelernt', aber nicht: 'Ich beginne zu lernen'. Der letzte Satz meint dann vielleicht ein Üben oder die Erledigung einer Aufgabe, bei der man ein vorher und nachher unterscheiden kann, aber wohl kaum die Eröffnung eines bislang nicht fungierenden, neuen Verständnishorizontes. Lernen als das Aufgehen einer bislang nicht eingenommenen Perspektive ist wie das Aufwachen. Man ist dabei, aber nicht als konstituierendes Subjekt. Die Beteiligung liegt darin, dass man den Anspruch eines anderen zulässt und auf ihn antwortet...." (S.508/509)

 
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